Melancholia

7. Dezember 2011

So nennt sich der neue Film des dänischen Regisseurs Lars von Trier (Dancer in the Dark, Dogville, Antichrist).

Melancholia besteht aus drei Filmteilen. Zuerst sehen wir eine Ouverture, die in sphärischen Bildern einen Vorausblick auf die später auf den Zuschauer zurollenden filmischen Inhalte gibt. Im Zentrum der Ouverture stehen kosmische Szenen, die den Zusammenprall zweier Planeten zeigen- unserer Erde mit dem Riesen Melancholia.

Es folgen die zwei Hauptteile des Films, überschrieben mit den Namen der Hauptfiguren, 1- Justine (Kirsten Dunst) und 2- ihrer Schwester Claire (Charlotte Gainsbourg). Teil 1 erzählt die Hochzeitsfeier von Justine und Michael (Alexander Skarsgard). Schon der Hinweg zur Hochzeitsgesellschaft auf dem Landsitz des Schwagers von Justine, Claires Ehemann John (Kiefer Sutherland), gestaltet sich schwierig. Dem Brautpaar inklusve Chauffeur gelingt es nicht eine Stretchlimousine den sich windenden Waldpfad zum “Schloss” heraufzufahren. Schließlich laufen sie und kommen Stunden später zur eigenen Hochzeitsfeier. Die Schwierigkeiten setzen sich fort: 

  • Eine bittere Hochzeitsrede der Brautmutter, die schließlich auf Ihrem Zimmer verschwindet.
  • Der geschiedene Brautvater, der feuchtfröhlich junge Mädchen um sich scharrt und Justine keine Hilfe seien kann, er wirkt wie ein kleiner Junge.
  • Justine, die sich fremd fühlt und immer mehr in ihre eigene Welt und von der Gästeschar flüchtet, ein Bad nimmt oder mit ihrem Slogan-Stalker auf dem Golfgreen schläft.
  • Justines unmöglicher, geldgeiler Boss, der Claire in seiner Glückwunschrede wegen einem Werbeslogan Druck macht. 
  • Der verlorene und ratlose Neuehemann Michael.
  • Die verzweifelte Claire, die ihre Schwester glücklich sehen will. 

Am Ende scheitert Justine an dem Versuch (und nur ein solcher war es wohl, was dem Zuschauer in Dialogen zwischen den Schwestern subtil verdeutlicht wird) ein geordnetes, glückliches Leben zu beginnen. Sie verliert in der Hochzeitsnacht Job und Ehemann und hinterlässt bei Allen den Eindruck einer völlig verkorksten Hochzeitsfeier.

Teil 2 ist bestimmt von der Perspektive Claire’s sowie der Angst vor dem auf die Erde zusteuernden Planeten Melancholia. Die Gefahr aus dem Weltraum überrascht den Zuschauer nicht, denn sie wird in Teil 1 mehrfach durch  Blicke von Justin in den Himmel und der Schlusserkenntnis am Tage nach der Hochzeit, dass Antares, ein Stern aus dem Skorpion fehlt, vom Regisseur unzweifelhaft angedeutet. Justine hat schlimme Depressionen und wird deswegen von Claire auf den Landsitz geholt, wo diese versucht, ihrer Schwester zu helfen. Parallel kommt Melancholia der Erde immer näher. Eigentlich soll er vorbeifiegen am blauen Planeten (fly-by), so sagt es John, gezeichnet als pragmatischer und realistischer Charakter: “das sagen die Wissenschaftler”. Aber von Minute zu Minute zeigt sich, dass letztendlich eine andere Theorie zutreffen wird, nach der Melancholia nach einem scheinbaren Vorbeiflug von der Schwerkraft der Erde eingeholt wird. Claire verzweifelt zunehmend, während Justine immer ruhiger und klarer wird, weil genau das einzutreffen scheint, was ihr größter (depressiver) Wunsch ist, das Ende der Welt (Zitat: “Die Welt ist böse”).

Wir Menschen sind so unterschiedlich, so spannend und so unberechenbar, nie bis ins Detail erklärbar, genauso wie die Natur. Melancholia bringt beide Komponenten zusammen. Es steigert sich die Hilfosigkeit gegenüber der Macht der Gefühle und der Depressionskrankheit und die Ohnmacht vor der Gewalt der Natur- dem unweigerlichen Ausgeliefertsein im größten aller Unglücke. Dieser Film zeigt uns, wie manch anderer, keinen Ausweg. Im Gegenteil, der Todeskampf der Planeten ist von Anfang an vorbestimmt, es naht das Ende von Allem. Klingt dramatisch, tragisch, mystisch, klingt grausam, virtuos, ist teilweise auch komisch (Udo Kier als Hochzeitsplaner, der die Braut wegen der verkorksten Hochzeit nicht mehr ansehen kann und sich jedesmal, wenn er ihr begegnet die Hand vor die Augen hält). Ist Epos, ist Oper, ist Science Fiction und ist Katastrophenfilm. Melancholia kommt trotz vorhersehbarer Katastrophe völlig ohne Massenhysterie aus, da sich der Film ausschließlich auf die Einsamkeit und Stille auf dem Landsitz, auf die Natur und die Hauptfiguren konzentriert. Lars von Trier vereint verschiedenste Filmmittel, Genres und Motive mit wunderbaren Schauspielern, untermalt von klassischer Musik und inszeniert so das perfekte Endzeitdrama. Von Sekunde zu Sekunde beschleicht den Zuschauer eine größere Beklemmung, die gesteigert wird bis zur Unerträglichkeit, man vergisst zu atmen.

Melancholia hinterlässt Überwältigung, Sprachlosigkeit, ein Gefühl von Schwere und Leere und viel Stoff zum Nachdenken. Ein Film, der polarisieren wird. Es gibt sicher Viele, die aus dem Film früher rausgehen (in unserem Kino waren es einige), es gibt sicher Viele, die den Film bis zum Ende sehen und sich danach fragen “Was war denn das für ein Mist ?”. Und es gibt sicher auch Viele, die so begeistert sind, wie ich. Ein Urteil im Mittelmaß ist kaum vorstellbar. Für mich ist der Film bei aller Exzentrik, bei allem Kitsch und der geläuterten Stimmung, die der Film zurücklässt ein großartig erzähltes, mitreißendes, dramatisches Märchen.

Melancholia gehört in meiner Filmehistorie zu den besten Filmen, die ich bisher gesehen habe : Größenwahnsinnig, gewaltig und von tiefster Schönheit!


DREI…

11. Januar 2011

…der neue Film von Tom Twyker (Lola rennt, Das Parfum, The International)!

Hanna (Sophie Rois) und Simon (Sebastian Schipper) sind seit 20 Jahren ein Paar und leben im Berlin des Hier + Jetzt. Die beiden sind über 40 und wohnen zusammen. Sie sind nicht verheiratet und haben das Verliebtsein lange hinter sich gelassen. Dafür spürt man ihre viel tiefergehende enge Verbindung, die man Liebe nennt. Jeder lebt ganz klar ein gutes Stück sein Leben- Beziehung hin oder her (da wundert sich keiner, wenn der andere erst am nächsten Tag nach Hause kommt), dennoch sind Beide noch und auch sehr interessiert am Leben des Anderen. Hanna ist Fernsehmoderatorin und Simon ist Kunst-Techniker, sie haben also angesagte Jobs. Intellektuell und kulturinteressiert sind sie auch. Alles gut demnach? Ein Ja mit Fragezeichen bis beide sich in den gleichen Mann namens Adam (Devid Striesow) verlieben und aus Zwei = Drei wird. Und jetzt?

Der rote Faden des Films mit dem Kernthemen Liebe, Verlieben, Partnerschaft, Sexualität und Zwischenmenschlichkeiten zieht sich durch über das anfängliche Verheimlichen der wechselseitigen Seitensprünge, den Anstoss von Außen, der die eigene Beziehung wieder in Schwung bringt, das Hinterfragen der sexuellen Orientierung und des Partnerschaftsmodells, über die Offenbarung bis zur Lösung oder gerade Nichtlösung. Klingt interessant, klingt spannend, klingt fordernd, das ist es auch! Der Film glänzt auf so vielen Ebenen, dass es schwer fällt nur einige wenige herauszugreifen. Ein Versuch in Stichworten sei mir dennoch gestattet:

  • Berlin wird wunderbar charakterisiert als DIE deutsche kulturelle Metropole und DIE Stadt in der man irgendwann mal gelebt haben möchte: Hip, trendy, ausgefallen, spannend, aber trotzdem weiterhin oder gerade deswegen und in der Gesamtheit liebenswert und ursprünglich (zu diesen Gedanken empfiehlt sich die Philipp Poisel Version von “Schwarz zu Blau” ).
  • Die Beziehung zwischen Hanna und Simon, die sehr viel über die kulturelle Schiene beschrieben und charkaterisiert wird- beispielhaft wie ich finde, wenn sich ein Paar statt über Kinder, Karriere, Geld ausschließlich über die Kultur (Ausstellungen, Musik, Kino, intellektuelle Gespräche) definiert.
  • Eine präzise, prägnante, aber unaufgeregte Zeichnung der Charaktere und zwischenmenschlichen Beziehungen, die sehr authentisch wirkt.  Es und jeder ist so wie er/sie und es ist, kein Spiel im Spiel und nichts ist nur selbstverständlich so, sondern echt + ehrlich. Man glaubt den Schauspielern das, was sie spielen ohne diese Frage überhaupt zu stellen, weil die Gedanken, Gefühle, Aktionen sehr real wirken.
  • Die Dreierkonstellation mag manch einer als konstruiert bezeichnen. Das finde ich nicht. Es gibt einfach heute (fast) nichts, was es nicht gibt…was für Viele im realen Leben überraschend wirken mag kommt hier ganz unscheinbar und völlig normal und real daher. So wie es eben ist das Leben. Mich und Euch würde die Konstellation jetzt und heute auch nicht überraschen, oder?
  • Für keine Kohle dieser Welt geb ich die Freiheit, das als ein maßgebendes Grundgefühl, was ich aus dem Film mitgenommen habe. Ausgespielt + ausgebremst von der Moderne haben und sind die gesellschaftlichen Konventionen. Alternative Lebensformen/-entwürfe sind kein Problem mehr. Ein Filmzitat Adams: “Befrei Dich vom determinnistischen Biologiverständnis”!
  • Herrlich ironisch, dass der Dritte hier “Adam” genannt wird, ist dieser Name doch geradezu DAS Symbol für Zweisamkeit.
  • Irgendwie nachhaltig berührend David Bowies Space Oddity als wiederkehrende Tonspur: ”Ground Control to major Tom” (Twyker :-) )!
  • Schließlich Sophie Rois mit unverkennbarer tiefer, heiserer Stimme als wunderbarer Mittelpunkt diese Films- fast karikaturartig rauscht sie durch den Blätterwald, sodass mancherorts hinterher kein Grashalm mehr wächst: natürlich, direkt, burschikos, faszinierend, erotisch!

Und was sagt man zum Finale? Ist Drei nun einer zuviel?…


Sofia Coppola mit Somewhere

14. Dezember 2010

Nach The Virgin Suicides, Lost in Translation und Marie Antoinette gibt’s mit Somewhere Ende 2010 endlich wieder einen Sofia Coppola-Film. Jetzt, nach den gut 90 Minuten weiß ich wieder, warum ich diese Filme so liebe, weil es keinen anderen Regisseur und keine andere Regisseurin gibt, der/die so ein unglaublich gutes Gefühl für Bilder, Dialoge, Musik, Stimmungen = Atmosphäre haben. Dabei wird jede Dramatik außen vor gelassen. Vielmehr hat man das Gefühl Menschen beim Leben leben zu beobachten, Menschen, die man gar nicht kennt, aber sehr interessant findet und deren Leben, Empfinden und Entwicklung man gerne nachvollziehen und diskutieren möchte.

Zur Story: Der Film erzählt vom Leben des Schauspielers Jonny Marco (Stephen Dorff, mir bisher unbekannt, ein wahnsinnig süßer Typ), der im berühmten LA Hotel Chateau Marmot lebt und zwischen One-Night-Stands, privaten Gogogirls, Partys, Playstation und Wii-verzockten Tagen, verkaterten Morgenden und Showbizzterminen mit seinem schwarzen Ferrari durch die Gegend fährt. Jonny hat die typische Schauspielerkrankheit: Von allen oberflächlich geliebt und bewundert ist er im Herzen sehr einsam (wunderbar in Szene gesetzt, in dem Sofia Coppola einfach nichts passieren lässt, sondern lange Szenen inszeniert, in denen Jonny alleine auf der Couch sitzt oder im Bett liegt – ohne einen Hintergrundsoundtrack). Dieses Dilemma eines Lebens im “materiellen Über- und emotionalen Unterfluss” fällt Jonny dann richtig auf, als seine Tochter Cleo (großartig Elle Fanning, die mich sehr an eine junge Gwyneth Paltrow erinnert) unerwartet mehr als üblich seine Zeit beansprucht. Da sich die Mutter und Ex-Frau von Jonny eine nicht weiter erklärte Auszeit auf unbestimmte Zeit nimmt, miterlebt Cleo Jonny’s Jetset-Leben.

Der Film ist ein typischer aus dem Hause Coppola: Mit minimalistischem Aufwand miterleben und eintauchen unter die Schicht der Oberflächlichkeiten mit einem Hotel/ Luxussetting als Vorgabe, wo alle die den Normalbürger beschäftigenden Alltäglichkeiten schlicht keine Rolle spielen, weil die materielle Problematik des Geldhabens weg fällt. Unaufgeregt fliesst der Film dahin, es gibt keine Action, dafür werden auf subtile Art mit sich ständig wiederholenden Hinweisen das Leben und die Charakterlichkeiten des Jonny Marco diskutiert und hinterfragt. Es wird nichts augenscheinlich erklärt, sondern wie auch schon in den älteren Filmen läßt Sofia Coppola kleine Andeutungen selbsterläuternd einfach rumliegen. Wunderbar ausgedacht die Anfangs- und Schlussszene mit Love like the sunset Part 1 und Part 2 von Phoenix (Gänsehautmusik aus dem Album Wolfgang Amadeus Phoenix): Jonny fährt zu Beginn mit seinem Ferrari scheinbar endlos im Kreis während er diesen am Ende einfach an der Landstrasse stehe lässt und zu Fuß weitergeht – mit unbekanntem Ziel natürlich. Denn ein bißchen Hollywood muss dann doch sein Frau Coppola, oder?  Wow, das ist geil!

Für einen ersten Eindruck schaut Euch den Trailer an…

…und dann den Film bitte, es lohnt sich!


The Kids Are All Right

24. November 2010

 

Mama + Mama und zwei Kinder = Familie! Eine Tragikkomödie von der Regisseurin Lisa Cholodenko (High Art und Laurel Canyon)!

Kurz zum Inhalt: Nic (Annette Benning) und Jules (Julianne Moore) sind seit Ewigkeiten ein Paar und wohnen mit ihren beiden Kindern Joni (Mia Wasikowska) und Laser (Josh Hutcherson), die sie vom gleichen Samenspender (Mark Ruffalo) bekommen haben in einem Vorort von L.A.. Eben dieser Samenspender taucht auf Wunsch der Kids plötzlich im Leben der Familie auf und bringt die Alltagswelt ordentlich durcheinander und jeden der vier ein ziemliches Stück weiter auf der Leiter des Lebens.

Meine drei Lieblingsszenen: Paul und Nic, die ihre Leidenschaft für die Musik Joni Mitchell’s erkennen und anfangen zu singen + Jules, die den koksenden Gärtner rauswirft + Jules TV-auf dem Sofa lümmeln unterbrechende Entschuldigungsliebeserklärung vor Nic und den zwei Kids.

Die Schauspieler sind so großartig und authentisch, dass man jeden Charakter auf seine Art sofort ins Herz schließt. Das muss Spaß gemacht haben. Die Dialoge sind zum wegwerfen witzig und das Thema Partnerschaft und Liebe wird ernsthaft auf die Kernproblematik heruntergebrochen: In einer langen Beziehung realisiert man nach und nach, dass “der Keks des Lebens an den Rändern bröselt” (die ZEIT), was aber nicht heißt, dass es vorbei sein muss, sondern das es sich manchmal auch lohnt zu kämpfen. Schön zu sehen, wie die Titel-Message (wunderbares Wortspiel übrigens), dass es keinen Unterschied macht, ob zwei Mütter oder Mutter und Vater die Kinder großziehen ganz unbemerkt durch die Hintertür mitgeteilt wird: ”Die Kinder sind ok”.  

Das ist kein Onceinalifetimemovie, aber einer, der mitreisst, der einfach passiert ohne das man merkt überhaupt im Kino zu sein, mittendrin – das Leben eben. Der Film ist wirklich schön. Deswegen: Anschauen!


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