So nennt sich der neue Film des dänischen Regisseurs Lars von Trier (Dancer in the Dark, Dogville, Antichrist).
Melancholia besteht aus drei Filmteilen. Zuerst sehen wir eine Ouverture, die in sphärischen Bildern einen Vorausblick auf die später auf den Zuschauer zurollenden filmischen Inhalte gibt. Im Zentrum der Ouverture stehen kosmische Szenen, die den Zusammenprall zweier Planeten zeigen- unserer Erde mit dem Riesen Melancholia.
Es folgen die zwei Hauptteile des Films, überschrieben mit den Namen der Hauptfiguren, 1- Justine (Kirsten Dunst) und 2- ihrer Schwester Claire (Charlotte Gainsbourg). Teil 1 erzählt die Hochzeitsfeier von Justine und Michael (Alexander Skarsgard). Schon der Hinweg zur Hochzeitsgesellschaft auf dem Landsitz des Schwagers von Justine, Claires Ehemann John (Kiefer Sutherland), gestaltet sich schwierig. Dem Brautpaar inklusve Chauffeur gelingt es nicht eine Stretchlimousine den sich windenden Waldpfad zum “Schloss” heraufzufahren. Schließlich laufen sie und kommen Stunden später zur eigenen Hochzeitsfeier. Die Schwierigkeiten setzen sich fort:
- Eine bittere Hochzeitsrede der Brautmutter, die schließlich auf Ihrem Zimmer verschwindet.
- Der geschiedene Brautvater, der feuchtfröhlich junge Mädchen um sich scharrt und Justine keine Hilfe seien kann, er wirkt wie ein kleiner Junge.
- Justine, die sich fremd fühlt und immer mehr in ihre eigene Welt und von der Gästeschar flüchtet, ein Bad nimmt oder mit ihrem Slogan-Stalker auf dem Golfgreen schläft.
- Justines unmöglicher, geldgeiler Boss, der Claire in seiner Glückwunschrede wegen einem Werbeslogan Druck macht.
- Der verlorene und ratlose Neuehemann Michael.
- Die verzweifelte Claire, die ihre Schwester glücklich sehen will.
Am Ende scheitert Justine an dem Versuch (und nur ein solcher war es wohl, was dem Zuschauer in Dialogen zwischen den Schwestern subtil verdeutlicht wird) ein geordnetes, glückliches Leben zu beginnen. Sie verliert in der Hochzeitsnacht Job und Ehemann und hinterlässt bei Allen den Eindruck einer völlig verkorksten Hochzeitsfeier.
Teil 2 ist bestimmt von der Perspektive Claire’s sowie der Angst vor dem auf die Erde zusteuernden Planeten Melancholia. Die Gefahr aus dem Weltraum überrascht den Zuschauer nicht, denn sie wird in Teil 1 mehrfach durch Blicke von Justin in den Himmel und der Schlusserkenntnis am Tage nach der Hochzeit, dass Antares, ein Stern aus dem Skorpion fehlt, vom Regisseur unzweifelhaft angedeutet. Justine hat schlimme Depressionen und wird deswegen von Claire auf den Landsitz geholt, wo diese versucht, ihrer Schwester zu helfen. Parallel kommt Melancholia der Erde immer näher. Eigentlich soll er vorbeifiegen am blauen Planeten (fly-by), so sagt es John, gezeichnet als pragmatischer und realistischer Charakter: “das sagen die Wissenschaftler”. Aber von Minute zu Minute zeigt sich, dass letztendlich eine andere Theorie zutreffen wird, nach der Melancholia nach einem scheinbaren Vorbeiflug von der Schwerkraft der Erde eingeholt wird. Claire verzweifelt zunehmend, während Justine immer ruhiger und klarer wird, weil genau das einzutreffen scheint, was ihr größter (depressiver) Wunsch ist, das Ende der Welt (Zitat: “Die Welt ist böse”).
Wir Menschen sind so unterschiedlich, so spannend und so unberechenbar, nie bis ins Detail erklärbar, genauso wie die Natur. Melancholia bringt beide Komponenten zusammen. Es steigert sich die Hilfosigkeit gegenüber der Macht der Gefühle und der Depressionskrankheit und die Ohnmacht vor der Gewalt der Natur- dem unweigerlichen Ausgeliefertsein im größten aller Unglücke. Dieser Film zeigt uns, wie manch anderer, keinen Ausweg. Im Gegenteil, der Todeskampf der Planeten ist von Anfang an vorbestimmt, es naht das Ende von Allem. Klingt dramatisch, tragisch, mystisch, klingt grausam, virtuos, ist teilweise auch komisch (Udo Kier als Hochzeitsplaner, der die Braut wegen der verkorksten Hochzeit nicht mehr ansehen kann und sich jedesmal, wenn er ihr begegnet die Hand vor die Augen hält). Ist Epos, ist Oper, ist Science Fiction und ist Katastrophenfilm. Melancholia kommt trotz vorhersehbarer Katastrophe völlig ohne Massenhysterie aus, da sich der Film ausschließlich auf die Einsamkeit und Stille auf dem Landsitz, auf die Natur und die Hauptfiguren konzentriert. Lars von Trier vereint verschiedenste Filmmittel, Genres und Motive mit wunderbaren Schauspielern, untermalt von klassischer Musik und inszeniert so das perfekte Endzeitdrama. Von Sekunde zu Sekunde beschleicht den Zuschauer eine größere Beklemmung, die gesteigert wird bis zur Unerträglichkeit, man vergisst zu atmen.
Melancholia hinterlässt Überwältigung, Sprachlosigkeit, ein Gefühl von Schwere und Leere und viel Stoff zum Nachdenken. Ein Film, der polarisieren wird. Es gibt sicher Viele, die aus dem Film früher rausgehen (in unserem Kino waren es einige), es gibt sicher Viele, die den Film bis zum Ende sehen und sich danach fragen “Was war denn das für ein Mist ?”. Und es gibt sicher auch Viele, die so begeistert sind, wie ich. Ein Urteil im Mittelmaß ist kaum vorstellbar. Für mich ist der Film bei aller Exzentrik, bei allem Kitsch und der geläuterten Stimmung, die der Film zurücklässt ein großartig erzähltes, mitreißendes, dramatisches Märchen.
Melancholia gehört in meiner Filmehistorie zu den besten Filmen, die ich bisher gesehen habe : Größenwahnsinnig, gewaltig und von tiefster Schönheit!
Verfasst von Jule 


